Wenn das Leben nur noch verbraucht, aber kaum mehr regeneriert, wird Erschöpfung zum Zustand.
Es gibt eine Form von Erschöpfung, die nicht mehr nach einem freien Tag verschwindet.
Und auch nicht nach einem Urlaub. Sie sitzt tiefer.
Man schläft – und wacht trotzdem müde auf.
Man macht Pause – und spürt trotzdem keine Erholung.
Man lebt – und kann Freude nicht mehr spüren.
Das ist keine persönliche Schwäche. Das ist ein Hinweis auf ein größeres Problem. Und zwar auf ein systemisches. Wir leben nämlich in einer Kultur des Immer-mehr, Immer-schneller und des
Verbrauchs. Und zwar nicht nur im Außen, sondern auch im Innen.
Was wir im Außen längst kennen, zum Beispiel im Bereich Umweltschutz, ignorieren wir im Inneren.
Wir reden heute viel über Nachhaltigkeit. Über Ressourcen. Über Klima. Über Energie.
Wir wissen: Wenn ein System dauerhaft mehr verbraucht, als es regenerieren kann, kippt es.
Das gilt für Wälder.
Für Böden.
Für Ozeane.
Und - das dürfte sich noch nicht herumgesprochen haben, dasselbe gilt auch für Menschen.
Nur nennen wir es dort selten so klar.
Die innere Ökologie: ist eine Frage von Rhythmus, Grenzen und Sinn.
Der Mensch ist ein lebendiges System. Und lebendige Systeme brauchen:
• Pausen
• Rhythmus
• Beziehung
• Sinn
• Wiederholung
• Rückzug
• Regeneration
Wenn eines davon über längere Zeit fehlt, entsteht nicht nur Stress. Es entsteht Entfremdung.
Man merkt plötzlich: Ich lebe – aber ich bin nicht wirklich da.
Und genau da beginnt die seelische Erschöpfung.
Das Problem ist nicht nur „zu viel“. Es ist „zu viel und zu lange“ Wir können kurzfristig sehr viel tragen. Das ist nicht das Thema. Das Thema ist Dauer und die Wiederholung.
Daueranspannung.
Dauerleistung. Dauerverfügbarkeit. Eine Gesellschaft, die immer schneller wird,
produziert nicht automatisch mehr "Leben". Sie produziert oft nur mehr Funktionieren. Und Funktionieren ist keine Lebensqualität.
Es nennt sich Überlebensmodus.
Warum das politisch ist (auch wenn es privat aussieht): Erschöpfung wird gerne privatisiert.
Als wäre sie ein Problem einzelner Menschen. Aber wenn Erschöpfung gesellschaftlich massiv zunimmt, dann ist sie kein individuelles Schicksal mehr. Dann geht es um Strukturen:
• Arbeitswelten ohne Atem
• ein Gesundheitssystem, das Symptome verwaltet
• eine Kultur, in der Wert an Leistung hängt
• ein Alltag, der keine echten Übergänge mehr kennt
Das Private ist hier nicht vom Politischen zu trennen. Weil die Bedingungen, unter denen Menschen leben, nicht „privat“ entstehen.
Innere Nachhaltigkeit heißt: nicht alles mitmachen. Es bedeutet etwas Unbequemeres:
die Frage, was wir bereit sind zu konsumieren – an Tempo, an Druck, an Erwartungen
und was wir nicht mehr bereit sind, als normal zu akzeptieren.
Es braucht die innere Entscheidung: „So will ich nicht weiterleben.“
Nicht dramatisch.
Nicht laut.
Aber defintiv klar.
Wenn das Leben nur noch verbraucht, aber kaum mehr regeneriert, wird Erschöpfung nicht zur Ausnahme – sondern zum Zustand. Und dann reicht es nicht, ein bisschen besser zu funktionieren.
Dann braucht es Neu-Ausrichtung. Nicht weil du „kaputt“ bist.
Sondern weil du ein lebendiges System bist – und kein Dauerbetrieb.