Resilienz? Oder nennen wir es Anpassung?

Die neue Höchstleistung heißt „Durchhalten“ – und das macht krank.

 

Resilienz ist doch so ein Wort, das sich gut anhört. Es klingt nach Stärke. Nach gesunder Psyche. Nach „ich kann was ab“. Und gleichzeitig ist Resilienz eines der bequemsten Konzepte unserer Zeit.
Weil es so oft als Ausrede verwendet wird. Denn wenn Menschen überlastet sind, müssen wir nicht mehr über die Bedingungen sprechen. Wir sprechen über die Person.

  • Über ihre Haltung.
  • Ihre Grenzen.
  • Ihre Organisation.
  • Und - über das, was sie „noch lernen sollte“.

So wird ein gesellschaftliches Problem zum privat Thema gemacht. Und was aus systemischem Druck wird ein persönlicher Selbstoptimierungs-Trainingsauftrag.

 

Denn: Resilienz ist nicht die Lösung, wenn das Problem dauerhaft überzieht. Natürlich gibt es Menschen, die stabiler sind als andere. Natürlich gibt es Lebensphasen, in denen wir mehr tragen können. Natürlich ist es hilfreich, sich selbst zu regulieren, zu atmen, Pausen zu machen.

 

Aber Resilienz wird dann gefährlich, wenn sie zur Norm und zum privaten Dauerauftrag wird. Wenn sie nicht mehr Schutz bedeutet, sondern Pflicht. Wenn „du musst das schaffen“ als stiller Standard im Raum steht – und wer nicht mehr kann, darf sich "persönlich" optimieren.

 

Der Punkt ist:
Resilienz kann ein Geschenk sein.
Aber sie ist keine Reparaturanleitung für ein überzogenes System.

 

Die neue Leistung: freundlich bleiben, obwohl alles zu viel ist. Viele Menschen funktionieren heute unter Bedingungen, die kaum noch Luft lassen:

 

  • Informationsdichte statt Klarheit
  • Tempo statt Rhythmus
  • ständige Reaktionsbereitschaft statt wirklicher Präsenz
  • „alles ist wichtig“ statt Prioritäten

Und in diesem Feld sollen wir dann bitte resilient sein. Nicht jammern. Nicht übertreiben. Nicht aussteigen. Am besten noch „dankbar“ sein. Weil andere hätten es ja auch schwer. Diese Logik ist nicht nur asozial. Sie ist auch gefährlich, weil sie Menschen von innen aushöhlt.

 

Anpassung fühlt sich oft an wie Stärke – bis sie kippt.

 

Es gibt eine Form von Anpassung, die wirkt wie Kompetenz.

  • Man organisiert sich besser.
  • Man optimiert Abläufe.
  • Man wird effizienter. 
  • Man reißt sich zusammen.

Und wenn man darin gut ist, bekommt man Anerkennung. Oder zumindest kurz Ruhe. Aber diese Art von Stärke hat einen Haken: Sie basiert oft auf "Selbstübergehung" (neues Wort erfunden).

 

Man spürt sich nicht mehr.
Man fährt weiter.
Man zieht durch.

 

Bis der Körper irgendwann sagt:
Nein.

 

Und dann wirkt es plötzlich „unerklärlich“ für das Umfeld, warum es nicht mehr geht. Aber es war vorher schon sichtbar – wurde nur einfach nicht ernst genommen.

 

Resilienz ohne Grenzen ist nur ein schöner Name für Selbstverleugnung. Wir dürfeb dieses Wort wieder entromantisieren.

Resilienz ist nicht: „Ich halte alles aus.“

Resilienz ist: „Ich erkenne rechtzeitig, was zu viel ist.“

Sie ist nicht: „Ich bleibe leistungsfähig.“

 

Sie ist: „Ich bleibe in Verbindung mit mir.“

 

Und dann bedeutet Resilienz nicht, weiterzumachen.
Sondern aufzuhören.

Nicht dramatisch.
Nicht als Flucht.
Sondern als ganz klare Entscheidung.

 

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Frage umzudrehen.

Nicht: Wie werde ich resilienter?

 

Sondern: Warum ist so viel in unserer Gesellschaft so gebaut, dass Resilienz überhaupt zur Überlebensstrategie wird?

 

Warum sind Grenzen so schwer zu setzen?
Warum ist Erholung so schlecht integriert?
Warum ist Daueranspannung normal geworden?

 

Vielleicht wäre es klüger, mal das System zu hinterfragen.

 

Wenn „stark sein“ bedeutet, sich selbst zu übergehen,
wird Resilienz zur Zumutung – und Anpassung zur neuen Norm.

 

Die Frage ist nicht, ob du noch durchhältst.
Die Frage ist, ob du dir selbst dabei noch nahe bist.