Warum Erschöpfung ein Systemhinweis ist
Burnout wird gerne persönlich erklärt. Zu wenig Abgrenzung. Zu hohe Ansprüche. Zu wenig Pausen. Zu wenig Selbstfürsorge. Das klingt zunächst vernünftig. Und ist zugleich eine bequeme
Erklärung.
Denn wenn Erschöpfung ein individuelles Problem ist, dann ist die Lösung auch individuell zu suchen. Dann musst du „nur“ an dir arbeiten.
Mehr Resilienz.
Mehr Achtsamkeit.
Mehr Struktur.
Mehr Optimierung.
Was dabei oft unter den Tisch fällt: Viele Menschen sind nicht erschöpft, weil sie „zu schwach“ wären. Sondern weil sie zu lange versucht haben, in Umwelten zu funktionieren, die dauerhaft nicht menschlich sind.
ABER: Burnout ist kein Defekt. Er ist ein Hinweis auf ein krankes System.
Denn: Die neue Höchstleistung heißt: Durchhalten. Wir leben in einer Zeit, in der viele Dinge schneller geworden sind:
Kommunikation.
Erwartungshaltungen.
Reaktionszeiten.
Veränderungszyklen.
Informationsdichte.
Was wir dabei übersehen, wer nämlich nicht schneller geworden ist: der Mensch.
Körper, Nervensystem, emotionale Verarbeitung, innere Reifung – all das hat einen Rhythmus. Und dieser Rhythmus lässt sich nicht beliebig beschleunigen, ohne dass etwas kippt. Wenn Menschen „ausbrennen“, dann passiert nicht plötzlich etwas Unerklärliches. Es passiert etwas Logisches. Etwas hat zu lange mehr Energie gezogen, als zurückfließen konnte. Zu lange zu wenig Regeneration. Zu lange zu viel Anpassung. Einfach zu lange über die eigenen Signale drübergelebt.
Und irgendwann macht das System „Mensch“ das, was jedes System macht, wenn es überlastet ist:
Es brennt ab/aus.
In meiner Arbeit begegnen mir auffallend viele Frauen, die lange „funktioniert“ haben. Nicht halbherzig – sondern zuverlässig. Verantwortungsbewusst. Kompetent. Viele waren nicht „schlecht organisiert“. Sie waren zu gut organisiert. Sie haben getragen: Termine, Beziehungen, Arbeit, Familie, Stimmungen, Konflikte, Erwartungen. Sie waren zuständig – nicht nur für Aufgaben, sondern für Atmosphäre, Emotionen, Stimmung. Für das „Es muss laufen“. Für das „Ich halte das schon“. Für das „Ist eh nicht so schlimm“.
Das ist eine kulturelle Rolle, die viele Frauen viel zu gut gelernt haben. Und diese Rolle hat einen Preis: Man merkt oft erst spät, dass man sich selbst längst verlassen hat.
Burnout ist kein Mangel an Selbstfürsorge. Oft ist es ein Mangel an Wahrheit oder an dem, wo nicht gerne hingesehen wird. Aber Selbstfürsorge wird gerne als Antwort verkauft, bevor überhaupt die richtigen Fragen gestellt wurden. Denn - höchstwahrscheinlich - ist nicht das Problem, dass du „zu wenig Yoga“ machst. Sondern dass du in einer Konstellation lebst oder arbeitest, die nicht tragfähig ist.
Ein Umfeld, das permanent zieht.
Ein Job, der keine echten Grenzen kennt.
Eine Struktur, die Dauerverfügbarkeit normalisiert.
Ein Alltag, der sich anfühlt wie ein endloser Sprint.
Wenn du dich in so einer Realität nur „besser organisierst“, dann hältst du nur länger durch. Sagt man. Aber: Wenn Menschen sich selbst wie ein Projekt behandeln müssen, nur um in ihrem Leben zu bleiben. Da läuft etwas grundsätzlich schief.
Das Systemproblem ist nicht „Stress“. Das Systemproblem ist Sinnverlust. Viele erschöpfte Menschen haben nicht zu wenig zu tun. Sie haben zu wenig Verbindung. Zu sich selbst. Zu einem
inneren Ja. Verbindung zu deinem Gefühl: Wenn alles nur noch Leistung ist, aber kein inneres Ergebnis mehr hat, dann kippt etwas in uns. Der Körper wird müde. Die Psyche wird eng.
Und irgendwann kommt diese stille Leere, die viele nur schwer beschreiben können. Man ist nicht nur erschöpft. Man ist innerlich abwesend geworden. Und genau das ist der Moment, in dem „Burnout“
beginnt, mehr zu sein als eine Phase.
Was sich ändern müsste (und warum das nicht nur deine Aufgabe ist).
Wenn Erschöpfung ein Systemhinweis ist, dann bedeutet das: Es geht nicht nur um dich.
Es geht um die Bedingungen. Um Arbeitskulturen, in denen „immer erreichbar“ als normal gilt.
Um Rollen, in denen Frauen selbstverständlich tragen, regulieren, abfedern. Um eine Gesellschaft, die Tempo als Kompetenz verwechselt. Und um eine politische Sprache, die oft so tut, als wäre das
alles Privatsache.
Aber: Wenn ganze Generationen erschöpft sind, ist das kein individuelles Problem.
Dann ist das ein Strukturproblem.
Dann ist es nicht nur eine Frage von Pausen.
Neu-Ausrichtung beginnt nicht mit einem Plan. Sondern definitiv mit einem Nein. Viele Menschen warten dann auf den Moment, in dem sie wieder „funktionieren“. Sie wollen zurück in die
alte Energie. In die alte Stärke. In die alte Leistungsfähigkeit. Aber genau das nicht die Aufgabe.
Die Aufgabe nicht Rückkehr, sondern Neu-Ausrichtung.
Neu-Ausrichtung beginnt oft unspektakulär:
- mit einem Nein, das du ernst meinst
- mit (d)einem Tempo, das du dann aber wirklich hältst
- mit einer Grenze, die nicht erklärt werden muss
- mit der Entscheidung, dich nicht mehr selbst zu übergehen
Das klingt simpel. Aber es braucht Mut und ein starkes JA zu dir selbst.